Von Rita Schneider-Cartocci (Text und Fotos)
Turin – die unbekannte, oft verkannte Kulturstadt in Norditalien
Die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. konnte sich im Herbst während ihrer einwöchigen Studienreise von den kulturellen Höhepunkten der historisch ersten Hauptstadt Italiens überzeugen.
Denken auch Sie bei Turin eher an eine kalte, norditalienische Industriestadt mit Autoindustrie und den ersten und größten FIAT-Fabriken und sind deswegen eher an dieser Stadt vorbeigefahren? Ob Sie per Bahn, Flugzeug, Reisebus oder Pkw anreisen, die nördliche Barockstadt mit römischem Ursprung (28 v. Chr.) lohnt sich in vielerlei Hinsicht.
Als Hauptstadt der Region Piemont (Bedeutung: am Fuße des Berges) besticht sie durch ihre einmalige Lage: direkt am Po, dem größten Fluss Italiens gelegen, hat man meistens ein wunderbares Alpenpanorama mit blauem Himmel. Gegen Hitze im Sommer, aber auch gegen Regen im Winter sind die kilometerlangen historischen Arkaden ideal, um die eleganten Geschäfte und die Außenterrassen der zahlreichen historischen Cafés im Trockenen zu genießen. Weiterer Vorteil: die Stadt ist ebenerdig, verfügt über ein gutes Straßenbahn- und Bussystem und alle wichtigen Sehenswürdigkeiten sind gut zu Fuß und sogar mit Gehhilfe zu erreichen. Sogar römischen Ausgrabungsstätten mit der römischen Pforte Porta Palatina aus der Zeit des Kaisers Augustus sind direkt hinter dem Schloss zu sehen.
Im Jahr 1559 wurde Turin zur Hauptstadt des Königreiches der Dynastie Savoyen, 1713 Hauptstadt des Königreichs Sardinien und sogar durch die Vereinigung Italiens zwischen 1861 und 1865 Hauptstadt des Königreiches Italien, also bevor Rom 1871 die Hauptstadt wurde. König Viktor Emanuel II regierte von Turin aus, so dass wir auch aus den vorherigen Jahrhunderten mehr als 14 Schlösser im Stadtzentrum und der Umgebung als Zeitzeugen besichtigen können. Einige Stadtschlösser verfügen über Parks und königliche Gärten, Botanische Gärten, sowie die königliche Kapelle im Dom mit historischen Bibliotheken, dem Heiligen Grabtuch und bedeutenden Gemäldegalerien und Sammlungen aus mehreren Jahrhunderten. Mit viel Zeit ist es möglich, das Jagdschloss Stupinigi, mit der Stadtseilbahn die Basilica di Superga oder die in ihren Ausmaßen an Versailles angelehnte Sommerresidenz La Venaria zu besichtigen. Die deutsch-italienische Reisegruppe war besonders von der Sammlung der goldenen Königsgondeln und einer ästhetischen Muranoglasausstellung angetan.
In der Altstadt selbst kommt man immer wieder am Palazzo Carignano mit dem Ersten Italienischen Parlament vorbei, vor dessen Tor oft Musiker ihr Können zeigen. Weitläufige Plätze, wie die Piazza San Carlo und der Schlossplatz, Prachtstraßen, überdachte Galerien und elegante Häuserfassaden prägen das Stadtbild. Gleich in der Nähe befindet sich die Oper Turins mit einem hochkarätigen Opern- und Konzertprogramm, von dem sich die Opernfans der Gruppe im Puccini-Jubiläumsjahr überzeugen konnten. Ein Abstecher lohnt sich in das bekannte Museo Egizio – das Ägyptische Museum (1824 gegründet und von der Bedeutung und Größe her das zweitgrößte weltweit nach dem Museum in Kairo) mit bedeutenden Ausstellungsstücken und fachkundigen Führungen und Einblicken in neueste Forschungsergebnisse der Ägyptologie.
Verpassen Sie nicht das Symbol der Stadt, nur einige Nebenstraßen von der Via del Po entfernt: die Mole Antonelliana, ein besonderer Bau mit spitzem Turm, der auch auf der italienischen Zwei-Cent-Münze abgebildet und von weitem zu erkennen ist. Der Turm beherbergt das interaktive Nationale Kinomuseum auf mehreren Ebenen. Fahren Sie in einem gläsernen Aufzug auf die Plattform, um das Stadtpanorama mit Alpenkette bewundern zu können.
Nach dem langen Flanieren über die Plätze, durch Museen und elegante Straßen sollten Sie immer wieder eine Pause in einer der vielen historischen Kaffeehäusern, Konditoreien und Schokoladenmanufakturen einlegen. Besonders gut hat uns das elegante Baratti & Milano gefallen mit den Gianduiotti, den typischen Nougatpralinen, sowie der besonderen Kaffeespezialität Bicerin mit Sahne und Gianduia-Nougat, und weiteren Espressosorten mit hausgemachter Haselnusscreme. Abends erstrahlen die historischen Bars und laden zu kleinen Buffets um die Aperitifzeit und einen Vermouthdrink von Martini und anderen lokalen Marken ein. Ein besonderes Erlebnis war die Betriebsbesichtigung im Hause Martini, der einzigen, weltweiten Produktion, 1863 direkt in Turin gegründet.
Da die Automarke FIAT aus Turin stammt, ist das Nationale Automobilmuseum, unweit des Lingotto (der ehemaligen FIAT-Fabrik, heute Einkaufszentrum), auch für Nicht-Auto-Fans ein wahres Juwel, da es von den Anfängen des Rades bis hin zum Auto der Zukunft zahlreiche Oldtimer aus allen Jahrzehnten in ihren sozio-kulturellen und musikalischen Rahmen einbettet.
Natürlich bietet auch das Umland von Turin schön gelegene kleine Städtchen, wie zum Beispiel die Trüffelstadt Alba mit gotischem Dom, Trüffelmuseum und vielen kleinen Gassen.
Im Herbst findet hier die berühmte Trüffelmesse um den unter Gourmets begehrten weißen Trüffel statt. In Delikatessläden kann man sich für zu Hause einige Trüffel-Souvenirs zum Nachkochen erwerben. Die südliche Gegend der ‚Langhe‘ ist bekannt für die lieblichen Hügel, die berühmten und kostbaren Rotweine, wie Barolo, Nebbiolo und Barbera und auch die Königshaselnüsse, die zwischen den Weinbergen angebaut werden. So ist– wie es auch unsere Reisegruppe erleben durfte – eine Weinprobe in einem Weinbetrieb immer wieder ein kulinarisches Erlebnis. Die Piemonteser Weine passen hervorragend zu den piemontesischen Spezialitätenmenüs mit Vitello tonnato als bekannte Vorspeise und Trüffelpasta.
Als Abschluss hatte die Reisegruppe die Gelegenheit, die Besonderheiten der Stadt Asti kennenzulernen. Bekannt ist die Stadt durch die Weine Spumante und Moscato d’Asti, das historische Pferderennen Palio, Museen und Palazzi, sowie den italienischen Liedermacher Paolo Conte, dessen Lebenswerk kürzlich in einem Kinofilm verewigt wurde.
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